Mit Mut und Mission gegen Periodenschmerzen und Tabus - Im Interview mit Polina Sergeeva von menstruflow

Katrin Grieser
Katrin Grieser
11. Nov.. 2025
Polina Sergeeva menstruflow

Es beginnt mit einer simplen, aber schmerzhaften Frage: Warum gibt es für Millionen menstruierender Menschen immer noch keine wirksame, alltagstaugliche und medikamentenfreie Lösung gegen Regelschmerzen?
Genau diese Frage stellte sich Polina Sergeeva und legte damit den Grundstein für menstruflow. Aus persönlicher Erfahrung heraus entstand ein Unternehmen, das heute zu den spannendsten Akteurinnen im deutschen FemTech-Sektor zählt. Mit dem TENS-Gerät ONEflow bringt menstruflow eine wissenschaftlich fundierte, diskrete und designorientierte Alternative zu Schmerzmitteln auf den Markt und kämpft gleichzeitig gegen tief verwurzelte Tabus rund um Menstruation, Schmerz und Selbstfürsorge.

Im Gespräch erzählt Polina, wie aus einem Moment des Frusts eine Mission wurde, welche Hürden sie auf dem Weg zur Marke überwinden musste und warum sie sich nicht weniger vorgenommen hat, als das „Apple im FemTech-Bereich“ zu werden.

Was hat Dich dazu inspiriert, menstruflow zu gründen? Gab es einen Schlüsselmoment, in dem Du wusstest: „Das ist die richtige Idee“?

Die Inspiration kam aus eigener Erfahrung mit starken Periodenschmerzen. Ein Schlüsselmoment war, als ich im Urlaub mit heftigen Regelschmerzen auf der Couch lag, Schmerzmittel kaum halfen und ich Pläne absagen musste. Da fragte ich mich: Warum gibt es keine alltagstaugliche, medikamentenfreie Alternative? So stieß ich auf die bewährte TENS-Technologie, die in der Schmerztherapie etabliert ist, aber bei Menstruationsbeschwerden kaum bekannt ist. Dieses Aha-Erlebnis war der Startschuss für menstruflow

Welche Hürden musstest Du auf dem Weg zur Gründung und zur erfolgreichen Marke überwinden? 

Wir mussten gegen ein jahrzehntelanges medizinisches Ignorieren weiblicher Schmerzen ankämpfen. Außerdem waren technologische und regulatorische Herausforderungen zu meistern, etwa die Entwicklung eines Produkts, das sowohl funktional als auch angenehm zu tragen ist, und die Evidenzbasis für Menstruationsschmerzen sicherzustellen. Die Aufklärung über TENS als Therapie bei Menstruationsbeschwerden und der Aufbau einer Community waren ebenfalls große Aufgaben

Wie unterscheidet sich menstruflow von bestehenden Lösungen auf dem Markt? Worin liegt der größte Innovationsvorsprung?

menstruflow bietet mit ONEflow ein Produkt, das speziell für die Bedürfnisse menstruierender Menschen entwickelt wurde: keine reinen Schmerzmittel, sondern eine evidenzbasierte, medikamentenfreie Lösung mit TENS-Technologie. Der Innovationsvorsprung liegt darin, dass wir ein benutzerfreundliches, diskretes und effektives Gerät geschaffen haben, das Schmerzsignale gezielt blockiert und Endorphine freisetzt, mit Programmen, die exakt auf Perioden- und Endometriose-Schmerzen abgestimmt sind.

Wie hat sich das Produkt seit dem Launch verändert oder weiterentwickelt?

Das Produkt hat sich durch stetiges Nutzerfeedback weiterentwickelt: Wir haben beispielsweise die App als Steuerungs- und Wissensplattform eingeführt, das Verbindungskabel verlängert, den Trageclip verbessert und damit unser ONEflow TENS-Gerät noch alltagstauglicher gemacht. Die Community ist unser Kompass, sie gibt uns direktes Feedback, das wir in Produktoptimierungen einfließen lassen

Was war die größte technische oder regulatorische Herausforderung, die ihr meistern musstet?

Glücklicherweise konnten wir auf eine seit Jahrzehnten bewährte TENS-Technologie zurückgreifen, die in der Physiotherapie schon lange etabliert ist. Dadurch verlief die Entwicklung relativ schnell und wir mussten keine großen Hürden überwinden. Die Herausforderung war eher, die Technologie speziell auf Menstruationsbeschwerden anzupassen und ein diskretes, alltagstaugliches Produkt zu schaffen. Insgesamt hatten wir also das große Glück, keine fundamentalen technischen oder regulatorischen Probleme überwinden zu müssen 

Wie schafft menstruflow den Spagat zwischen funktionalem Produkt und emotionaler Markenbotschaft?

Wir kombinieren medizinische Expertise mit echter Empathie. Die Marke steht für Empowerment, Enttabuisierung und Selbstfürsorge. Unser Marketing spricht die Bedürfnisse, Gefühle und Erfahrungen menstruierender Menschen direkt an. Dabei sagen wir ganz klar: Periode ist normal - Periodenschmerzen aber nicht! Und das schöne ist, es gibt Optionen! Gleichzeitig liefern wir wissenschaftlich fundierte Wirkung, was Vertrauen schafft. 

Wie geht ihr das Thema Aufklärung rund um Menstruation an, das oft noch mit Tabus behaftet ist?

Wir sind laut und sichtbar, mit klaren Botschaften, Veranstaltungen, Podcasts und Keynotes. menstruflow setzt darauf, Periodenschmerzen zu normalisieren und zu entstigmatisieren, und nutzt die eigene Community als Sprachrohr. Dadurch entsteht Raum für offenen Dialog und neue Selbstwahrnehmung jenseits von Tabus. Zusätzlich setzen wir auf Guerilla-Marketing mit meinem großen Schild, das ich IMMER & ÜBERALL dabei habe. Darauf steht “I’M ON MY PERIOD” und auf der Rückseite “PERIODE IST NORMAL”

Welche Reaktionen oder Erkenntnisse haben Dich bei Euren KundInnen besonders überrascht?

Wir gingen ursprünglich davon aus, dass Frauen während ihrer Periode ALLES machen wollen würden, wenn sie könnten - so z.B. auch Sport oder intensive Aktivitäten, und haben dementsprechend viel Werbung mit sportlichen Aktivitäten während der Periode geschaltet und dass dies nun mit dem ONEflow möglich sei. Überraschenderweise hat das so gar nicht funktioniert - niemand hat gekauft. Nach einer Marktumfrage zeigte sich, dass die Mehrheit es tatsächlich lieber ruhig angehen lässt, auch wenn Sport theoretisch förderlich sein kann. Diese Erkenntnis zeigt uns, dass hier noch viel Aufklärungsarbeit nötig ist, um die Bedürfnisse und Wünsche der Kundinnen besser zu verstehen und zu adressieren

Wie unterscheidet sich der deutsche Markt im Bereich FemTech von anderen Ländern?

Deutschland steht noch am Anfang einer echten FemTech-Revolution. Aufklärung und Marktwachstum sind stark im Kommen, aber es gibt noch gesellschaftliche Hemmungen und regulative Herausforderungen. Im Vergleich zu manchen anderen Ländern ist das Bewusstsein für Menstruationsgesundheit hier im Wandel, aber traditionell zögerlicher. Wir sind in der Rolle, diese Lücke zu schließen und den Markt zu gestalten allgemeines Wissen plus Kontext.

Wie hast Du Dich als Gründerin persönlich verändert, seit Du menstruflow gestartet hast?

Ich habe viel über Resilienz, Geduld und Führung gelernt. Die Verantwortung, ein so sensibles Thema zu professionalisieren und zugleich emotional glaubwürdig zu vertreten, hat mich wachsen lassen. Auch der Umgang mit Zweifeln und Herausforderungen hat mich stärker und fokussierter gemacht.

Gab es Momente, in denen Du an Dir gezweifelt hast und wie bist Du damit umgegangen?

Klar gab es Phasen des Zweifelns, vor allem wenn Rückschläge oder Skepsis kamen. Ich sehe Zweifel heute als Teil des Prozesses. Wichtig ist, nicht stehenzubleiben, sich mit dem Team auszutauschen und sich immer wieder auf die Mission zu besinnen. Authentizität und Selbstfürsorge sind für mich Schlüssel, um solche Momente konstruktiv zu bewältigen.

Wo siehst Du menstruflow in fünf Jahren? 

Mein Ziel ist es, dass menstruflow das Apple im FemTech-Bereich wird. Wir wollen Marktführer sein, nicht nur mit innovativen Produkten, sondern auch als starke Marke, die für Empowerment, Selbstbestimmung und eine neue Normalität in der Menstruationsgesundheit steht. Wir planen, sowohl die Produktpalette als auch die digitale Begleitung für menstruierende Menschen weiter auszubauen und langfristig eine weltweit anerkannte Referenz im FemTech-Sektor zu sein

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