Female Empowerment im E-Commerce: von Gegenwind, Gründergeist und gelebter Veränderung - ein Gespräch mit Julia Huhnholz und Johanna Rief

Katrin Grieser
Katrin Grieser
27. März. 2025
Julia Huhnholz von Dr. Vivien Karl und Johanna Rief von Fyrce Care

Mut, Durchhaltevermögen und ein klarer Purpose können im E-Commerce oft entscheidender sein als das perfekte Businessmodell. Julia Huhnholz, Co-Gründerin von DR. VIVIEN KARL, definiert mit ihrer Marke den Markt für Intimgesundheit neu und setzt auf evidenzbasierte, hochwertige Intimpflegeprodukte für Frauen. Johanna Rief, Gründerin von Fyrce Care, widmet sich mit ihrem Startup der reproduktiven Selbstbestimmung und holt das Thema Egg Freezing aus der Tabuzone. Beide Frauen etablieren Female Empowerment im E-Commerce und fordern mit ihrer Arbeit bestehende Normen heraus – und stoßen dabei nicht nur auf Begeisterung, sondern auch auf Widerstände.

Doch wie geht man mit Kritik um, wenn man echte Veränderungen bewirken will? Wie baut man Vertrauen in eine Marke auf, die ein gesellschaftliches Umdenken anstoßen möchte? Und warum braucht es dringend mehr Investorinnen im FemTech-Bereich? Im Zuge unseres ersten K5 Female Circle Events haben wir mit den beiden Gründerinnen ein Interview geführt. Herausgekommen ist ein ehrliches Gespräch über Herausforderungen, Female Empowerment und den langen Atem, den es braucht, um wirklich etwas zu bewegen.

Ihr habt für Euer Engagement wahnsinnig viel Gegenwind bekommen. Wie seid ihr damit umgegangen? Habt ihr eine Strategie gefunden?

Johanna:

Ich glaube, man muss lernen, Neins zu umarmen. Ich glaube wirklich, dass es helfen kann, wenn man sich jeden Tag einfach mal zehnmal ein Nein ins Gesicht sagt. Denn man bekommt oft ein Nein und da muss man sich dran gewöhnen und sich ein dickes Fell wachsen lassen. Ich glaube, das Schöne ist, dass wir gelernt haben, wenn man hartnäckig ist, dass man irgendwann auch mal ein Ja bekommen wird. Vielleicht auch von Menschen, die erst Nein gesagt haben. 

Aber ich glaube auch zu lernen, dass ein Nein nicht unbedingt für immer eines sein muss und manche Leute auch noch ein bisschen mehr Zeit brauchen, und man dann manchmal auch ein Nein in Ja verwandeln kann. Und ich glaube, wenn man so einen Tag über sehr viele Neins kassiert, muss man vielleicht an das eine Ja denken, das man dann nochmal bekommen hat.

Julia:

Und auch zu verstehen, dass es nicht an einem selbst liegt, sondern dass, egal wen man hier hinstellt, auch diese Person dieses Nein bekommen würde. Es ist wichtig, sich von Glaubenssätzen wie “Ich bin nicht gut genug” zu lösen und ganz neutral an die Themen heranzugehen. Wenn es einfach wäre, hätte es jemand anderes gemacht.

Johanna:

Das von sich als Person zu lösen, fällt mir tatsächlich auch sehr schwer, weil ich bin niemand, der gerne verliert oder scheitert. Und dann aber zu verstehen, dass nicht man selbst als Person scheitert, sondern vielleicht einfach die Idee. Und so wie wir manchmal mit uns selbst sprechen, würden wir ja nie mit anderen Leuten reden. 

Ich glaube, wir Frauen sind oft sehr gemein zu uns selbst und würden diese Dinge aber gleichzeitig nie zu einer guten Freundin sagen. Manchmal muss man sich denken “Ich bin jetzt in der Position meiner Freundin, und was würde ich meiner Freundin sagen”. Denn wenn eine Idee an die Wand fährt, würde ich zu einer guten Freundin nicht sagen “Das war ja klar, warum hast Du das überhaupt versucht?”. Stattdessen wirst Du sagen “Geil, dass Du es versucht hast und so mutig warst”. Und so sollte man mit sich selbst auch sprechen.

Bei Euren Marken geht es viel um Vertrauen, also Vertrauen in die Produkte, Vertrauen von Kundinnen zu Euch. Wie stärkt ihr das, wie baut ihr das auf und wie haltet ihr das?

Julia:

Wir unterscheiden zwei Bereiche. Das eine ist das Vertrauen, das Du von innen heraus aufbauen kannst, also aus der Marke selbst heraus. Das macht man über die Tonalität (ehrlich, transparent, authentisch und empathisch) und über die visuelle Kommunikation. Vertraue ich diesem Packaging? Was verbinde ich damit? Und dann gibt es das Vertrauen, das Du von außen bekommen kannst. Sei es über Kundenbewertungen oder sei es über Brand Ambassadors in den jeweiligen spezifischen Bereichen, bei uns sind das bspw. ÄrztInnen und Hebammen.

Johanna:

Und dann sollte man eben auch sein Gesicht für die Marke oder das Unternehmen geben. Denn die meisten Leute denken sich “Das kann ja kein Scheiß sein, wenn sich da schon jemand freiwillig hinstellt mit dem Gesicht, das wird man ja nie wieder los.” Deshalb glaube ich zu sagen “Ich stehe dafür und ich glaube daran”, das funktioniert. So wie Hipp damals auch, das war Marketing-Masterpiece. Sowas wirkt einfach nach außen. 

Wie geht ihr mit Feedback Eurer Kundinnen um? Fließt das in die Produktentwicklung mit ein? 

Julia:

Das Wichtigste ist, relevante Produkte zu schaffen. Gerade in tabuisierten Bereichen, sonst werden Marken und Produkte austauschbar und nachhaltiges Wachstum bleibt aus.

In unserem Fall messen wir die Relevanz unserer Produkte an verschiedenen Stellen. Unser Produktentwicklungsprozess beginnt mit Kundeninterviews, die Produkte werden in mehreren iterativen Schleifen mit Testerinnen weiterentwickelt und ab dem Produktlaunch wird der NPS gemessen.

Johanna:

Es ist ohnehin wichtig zu lernen, welches Feedback man ernst nimmt. Gerade wenn man gründet, stellt man fest, dass man von 10 Personen 12 Meinungen bekommt, und zwar bei quasi allen Themen. Und es ist unheimlich wichtig, zu lernen und für sich selbst zu selektieren, welches Feedback baue ich ein und welches Feedback nehme ich überhaupt an. Denn Feedback ist ja ein Geschenk, das kann ich annehmen oder eben auch nicht. Ganz viele Dinge sind ja auch reine Geschmackssache und Geschmäcker kann und will man nicht alle treffen. Man darf sich nicht von allem und allen verrückt machen lassen. 

Wir sind jetzt noch in einer sehr frühen Phase mit Fyrce Care, aber wir haben auch viele Events veranstaltet, Infoabende zu Egg Freezing mit Cremant. Und ich war mir nicht sicher, ob die Leute das gut oder komisch finden, weil es Alkohol gibt. Da hatte ich tatsächlich dann mal Feedback und Nachfragen zu. Ich kann nur betonen, dass das kein Massenbesäufnis ist, ich habe mir das gut überlegt und kann das auch argumentieren. Niemand muss etwas trinken, es gibt immerhin auch alkoholfreie Getränke, aber wir reden hier von erwachsenen Frauen, die wissen damit umzugehen. Auf jeden Fall habe ich gemerkt, dass das mega gut ankommt und Frauen da Bock drauf haben. Wer das nicht cool findet, muss nicht kommen und wer es nicht sehen will, kann uns einfach entfolgen. 

Was sind Eure Erfahrungen mit Fundraising und Finanzierung? 

Johanna:

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft mir ungefragt neue Businessmodelle vorgeschlagen werden oder ich gefragt werde, warum ich das nicht auch für Männer mache. 

Julia:

Bei Dir kam doch dann auch immer die Frage nach Traction und Zahlen. 

Johanna:

Achja, genau. Das kriege ich gerne zu hören, dass man Revenue sehen will. Woraufhin ich immer antworte, dass ich erstmal ein Investment brauche, um überhaupt ein finales Produkt zu bauen, mit dem sich Revenue generieren lässt. Also gerade aktuell, was da von einem verlangt wird, wie viele Leute man schon auf einer Waitlist haben sollte, 3000 Leute. Es machen gerade in Deutschland 4000 Frauen Egg Freezing und ihr wollt, dass 3000 davon auf meiner Waitlist sind? 

Und dann gab es da tatsächlich einen Herren, der hat uns geantwortet, dass er das ja spannend fände, aber er glaubt nicht, dass wir damit die niedrige Geburtenrate lösen werden. Da habe ich ihm geantwortet, dass ich nie behauptet habe, dass das mein Ziel ist. Aber ich kann Dir schon sagen, was es da braucht z. B., bessere Kinderbetreuung und Equal Pay. Doch das liegt nicht in meinem Aufgabenbereich oder besser gesagt, habe leider ich nicht die Macht, das zu ändern… Und er kommt damit an, dass Fyrce Care das nicht lösen wird. Ach wirklich, Sherlock, was Du nicht sagst. 

Was braucht es Eurer Meinung nach, um die Themen FemHealth und FemTech endgültig und nachhaltig aus der Nische zu holen? 

Julia:

Es muss dringend mehr Risikokapital in FemTech investiert werden. Die derzeitige Situation, ist nicht nur ungerecht, sondern auch ein Verlust an Potenzial und Innovation.

Da die Mehrheit der Business Angels Männer sind, ist es wichtig, auch Frauen zu ermutigen, selbst in FemTech-Startups zu investieren. Frauen haben oft einen tieferen Bezug zu den Herausforderungen und Bedürfnissen, die diese Technologien adressieren, und ihre Investitionen können den Unterschied machen.

Letztlich braucht es mutige Pionierinnen auf der Startup- und Investitionsseite, die öffentlich für die Themen einstehen.

Johanna:

Ich glaube, dass sich auch von der Erziehung her etwas verändern muss. Ich bin sehr selbstbewusst und habe einen sehr hohen Selbstwert, was meiner Erziehung und meiner starken Mutter zu verdanken ist. Aber da fängt es bei vielen Frauen ja schon an, dass wir gar nicht dazu ermutigt werden, überhaupt zu gründen und man all diese Selbstzweifel hat. Und dann geht es ja oft im Kindesalter schon los, dass Männer so erzogen und behandelt werden wie die eigenen Ehemänner und dann die nächsten ‘Prinzen’ da rauskommen. Also das ist ja so eine ganze Grundproblematik.

Und man kann auch als einzelne Person etwas verändern. Man kann es besser machen. Ja, es gibt strukturelle Probleme, daran kann man akut nichts ändern, aber der Staat kann das natürlich mehr fördern. Da geht es ja auch viel um positive Sachen. Wir sind immerhin die Hälfte der Gesellschaft, warum nimmt man uns nicht ernst?

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