
Es ist nicht abzustreiten, dass das Thema Nachhaltigkeit innerhalb der letzten Jahre zunehmend an Relevanz gewonnen hat. Auch die EU unternimmt mit der Einführung zahlreicher Richtlinien Schritte, um die Transparenz von Lieferketten zu verbessern und den Schutz für Umwelt und Mensch zu steigern. Lieferkettensorgfaltspflichtgesetzt (LkSG), Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD), Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) oder EU-Taxonomie-Verordnung – gar nicht einfach in diesem Dschungel von Abkürzungen und Regularien den Überblick zu behalten. Um rechtliche Konsequenzen zu vermeiden und ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, müssen sich (B2B-)Unternehmen jedoch intensiv mit den spezifischen Anforderungen auseinandersetzen.
Auch wenn die aktuellen immensen globalen Herausforderungen es zusätzlich erschweren, den Fokus darauf zu behalten, ist sich die Mehrheit der Großhändler und Hersteller einig: Nachhaltigkeit bleibt ein zentrales Thema. Wie die Ergebnisse des aktuellen ECC KÖLN B2BEST Barometers zeigen, stufen 88 Prozent der befragten B2B-Unternehmen das Thema ESG (Environment = Umwelt, Social = Soziales, Governance = Unternehmensführung) als sehr relevant ein, um dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch wie sieht es bezüglich der Umsetzung aus? Welche konkreten Maßnahmen verfolgen bzw. planen Großhändler und Hersteller, um den Anforderungen rund um die ESG-Kriterien gerecht zu werden? Und vor welche konkreten Herausforderungen sehen sie sich gestellt?
In den aktuell zunehmend herausfordernden Zeiten rund um Kaufzurückhaltung, Fachkräftemangel und geopolitischen Unsicherheiten wird das Thema ESG bei B2B-Unternehmen nach wie vor als wettbewerbskritisch eingestuft. Die Relevanz des Themas zeigt sich nicht nurdaran, dass es auf auf Management-Ebene verankert ist, sondern auch vermehrte Investitionen in die Bereiche Umwelt, Soziales und Unternehmensführung geplant sind. Zudem werden langfristige Ziele in allen drei Nachhaltigkeitsbereichen festgelegt sowie oftmals mittels definierter Kennzahlen nachverfolgt und evaluiert. Dabei liegt der Antrieb für die Nachhaltigkeitsbemühungen nicht nur in gesetzlichen Vorschriften oder interner Motivation, auch die Außenwahrnehmung ist entscheidend: Mehr als zwei Drittel der Befragten ist es sehr wichtig oder äußerst wichtig, dass Kund:innen und Partner ihr Engagement für die einzelnen Nachhaltigkeitsbereiche wahrnehmen.
Trotz des hohen Bewusstseins für das Thema, geben 64 Prozent der befragten Großhändler und Hersteller an, im Bereich ESG im Unternehmen noch ganz am Anfang zu stehen. Was dabei nicht verwunderlich ist: Vor allem kleinere und mittelständische Unternehmen sehen hier Nachholbedarf. Zudem werden zahlreiche Verbesserungspotentiale offenbart: Vor allem im Bereich Umwelt, konkret in der Einsparung von Energie-/Wasserverbrauch (46 %) und im Recycling (40 %), sehen die befragten Unternehmen Stellschrauben, bei denen sie sich stark verbessern können.

Dieser Fokus auf Umweltaspekte zeigt sich auch generell in der Bewertung der B2B-Unternehmen: Insgesamt werden Nachhaltigkeitsbemühungen in den Bereich Umwelt forciert, was sich unter anderem an einer verstärkten Prioritätensetzung und höheren geplanten Investitionen in diesem Bereich zeigt. Doch für eine langfristige Wirksamkeit ist ein ganzheitliches ESG-Konzept mit Blick auf alle drei Bereiche von Bedeutung. Gerade das „S“ in ESG ist dabei schwieriger zu definieren und zu evaluieren, dennoch lohnt sich eine genauere Betrachtung dessen, um Risiken zu verhindern und neue Chancen zu eröffnen. Insgesamt zeigt sich diesbezüglich bei den befragten B2B-Unternehmen, dass auch soziale Nachhaltigkeit immer stärker in den Fokus rückt. Beispielsweise sollen Sensibilisierungsmaßnahmen (43 %) oder die Unterstützung von Frauen in Führungspositionen (37 %) weiter ausgebaut werden. Soziale Gerechtigkeit ist zudem bereits oftmals durch offizielle Richtlinien verankert, allerdings sind diese bestehenden Richtlinien oft nur punktuell vorhanden, sodass hier Verbesserungsbedarf besteht.
Im Kontext der einzuhaltenden Nachhaltigkeitsstandards sind B2B-Unternehmen – insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen – vor mannigfaltige Herausforderungen gestellt. Einerseits können interne Faktoren wie beispielsweise eine fehlende Integration in die Unternehmensstrategie, falsche Einstellungen auf Managementebene oder schlicht Ressourcenmangel die eigenen Nachhaltigkeitsbemühungen erschweren. Aber auch interne Prozesse und Strukturen, die ineffizient oder veraltet sind, können dies verkomplizieren. So zeigt das aktuelle B2BEST Barometer, dass selbst den Mitarbeitenden oftmals das Wissen über die Nachhaltigkeitsbemühungen des eigenen Unternehmens fehlt. Daher ist vermehrt Transparenz gefragt – verbunden mit Sensibilisierungsmaßnahmen und Schulungen der Mitarbeitenden, sodass in Sachen Nachhaltigkeit alle an einem Strang ziehen.

Aber auch externe Herausforderungen wie die steigenden Kundenanforderungen in Bezug auf Nachhaltigkeit oder eben die regulatorischen Anforderungen machen den B2B-Unternehmen zu schaffen. Auch wenn manche Unternehmen aufgrund ihrer Größe (noch) nicht direkt von den regulatorischen Vorgaben von CSRD oder LkSG betroffen sind, orientiert sich die Mehrheit schon jetzt bereits daran. Doch dies bringt zahlreiche Schwierigkeiten mit sich: Nicht nur die Identifikation und Überprüfung der Risiken in der Lieferkette gestaltet sich insgesamt schwierig, sondern auch die Vorgaben zu Dokumentations- und Berichtspflichten sind enorm. Zudem kommt die aufwendige Sensibilisierung von Lieferanten und Mitarbeitenden. All dies hat letztendlich auch Einfluss auf den Geschäftsalltag der Unternehmen und führt bei einem nicht unerheblichen Teil dazu, dass Preise erhöht (41 %) sowie Geschäftsbeziehungen beendet werden müssen (31 %).

Die Zahlen zeigen deutlich: B2B-Unternehmen wollen nachhaltig handeln, ihre Nachhaltigkeitsbemühungen transparent nach außen kommunizieren und gleichzeitig auch die Performance von anderen Geschäftspartnern bewerten können. All das ist jedoch gerade im Angesicht der hohen bürokratischen Last sowie der aktuellen multiplen Krisen nicht einfach. Aber B2B-Unternehmen müssen sich proaktiv mit den Herausforderungen auseinandersetzen, um ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen und gleichzeitig wettbewerbsfähig zu bleiben. Denn nur wer jetzt die richtigen Weichen für ein umfassendes Nachhaltigkeitsmanagement stellt, kann auch langfristig davon profitieren und den Übergang zu nachhaltigeren Praktiken erfolgreich gestalten. Dabei ist eine strategische Planung und die Einbindung aller Stakeholder unerlässlich. Vielleicht kann die erst Ende Februar von der EU vorgeschlagene Omnibus-Verordnung zumindest dabei helfen, den bürokratischen Aufwand – insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen – zu reduzieren und Unternehmen so zu entlasten.

Joanna Czock ist seit Anfang 2021 Projektmanagerin am ECC KÖLN. Im Team Customer Insights ist sie schwerpunktmäßig für quantitative Studien verantwortlich und beschäftigt sich dabei mit Themen rund um die Handelswelt im digitalen Zeitalter. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt dabei im B2B-Bereich. Während und nach ihrem Masterstudium in „Soziologie und empirische Sozialforschung“ an der Universität zu Köln hat sie zudem bereits mehrjährige Erfahrung in verschiedenen Marktforschungs- und Beratungsunternehmen gesammelt.









