E-Commerce in Polen: Europas unterschätzter Wachstumsmarkt

Katrin Grieser
Katrin Grieser
25. Sep.. 2025
Allegro CCO Matthias Frechen auf der K5 2025

Europa schaut im Onlinehandel gerne nach Westen: Amazon in Deutschland, Zalando in Berlin, Otto in Hamburg. Doch östlich der Oder wächst seit Jahren ein Markt heran, der in seiner Dynamik und seinem Potenzial kaum Beachtung findet – Polen. Mit knapp 38 Millionen Einwohnern, einer stetig wachsenden Kaufkraft und einer jungen, digitalaffinen Bevölkerung entwickelt sich das Land zum E-Commerce-Hotspot Mitteleuropas. Wer heute auf der Suche nach Wachstumsmärkten in Europa ist, kommt an Polen nicht vorbei.

Vom EU-Neuling zum Wachstumstreiber

Seit dem EU-Beitritt 2004 hat Polen eine bemerkenswerte Transformation hingelegt. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich mehr als verdreifacht, die Infrastruktur ist auf westliches Niveau ausgebaut, die Städte sind modern und international. Warschau präsentiert sich heute mit einer Skyline aus Glasfassaden, Startup-Hubs und urbanem Lifestyle – Bilder, die kaum noch etwas mit den Klischees aus den 1990ern gemein haben.

Das Land gilt als wirtschaftlicher Stabilitätsanker in Osteuropa. Eine Kombination aus solidem Wachstum, EU-Fördermitteln und einer jungen Arbeitsbevölkerung hat den Binnenmarkt gestärkt. Während viele westeuropäische Märkte im E-Commerce gesättigt wirken, bleibt Polen auf Wachstumskurs. Prognosen gehen davon aus, dass der polnische Onlinehandel von rund 20 Milliarden Euro (2023) auf bis zu 38 Milliarden Euro im Jahr 2027 anwachsen wird – ein jährliches Wachstum von 12–15 %.

Jung, digital und preisbewusst

Die polnische Bevölkerung ist im europäischen Vergleich auffallend jung. Über 60 % sind unter 45 Jahre alt, der Altersmedian liegt bei 43 Jahren – eine Generation, die selbstverständlich online einkauft und digitale Services nutzt.

Während in reiferen Märkten wie Deutschland Online- und Offline-Shopping oft noch getrennt voneinander betrachtet werden, zeigt Polen eine deutlich höhere Durchlässigkeit: Rund die Hälfte der KonsumentInnen kauft heute selbstverständlich sowohl online als auch stationär. Unterstützt durch die breite Nutzung von Services wie Paketstationen und Click & Collect entsteht so eine digitale Selbstverständlichkeit, die den Markt besonders anschlussfähig für neue Geschäftsmodelle macht.

Willkommen im „Lockerland“

Ein zentrales Merkmal des polnischen Marktes ist seine Logistik. Während in Deutschland die Haustürzustellung dominiert, prägen in Polen Paketstationen den Alltag. Über die Hälfte aller Bestellungen wird an sogenannte Lockers geliefert – ein System, das Geschwindigkeit, Kosten und Flexibilität kombiniert.

Allegro-CCO Matthias Frechen brachte auf der K5 2025 auf den Punkt: „Über Polen und auch viele von den osteuropäischen Ländern, das ist halt Lockerland. […] Wir betreiben selber ein paar tausend von denen, dann gibt es auch viele Partner wie InPost, die da noch sehr viel mehr betreiben.

Für HändlerInnen bedeutet das: geringere Zustellkosten, höhere Erfolgsquoten bei der Zustellung und weniger Retouren. Gleichzeitig haben polnische Konsumenten den Vorteil, Pakete unabhängig von Zustellzeiten rund um die Uhr abholen zu können.

Neben der Zustelllogistik ist auch die Payment-Infrastruktur hoch entwickelt: Instant Payments und lokale Anbieter wie BLIK prägen das Checkout-Erlebnis, während Kreditkarten eine vergleichsweise kleinere Rolle spielen.

Zwischen globalem Druck und lokalen Champions

Der polnische Markt ist hart umkämpft und genau das macht ihn spannend.

  • Internationale Player: Amazon ist seit 2021 mit einer eigenen polnischen Domain präsent, kämpft jedoch um Relevanz. Ende 2024 lag der Marktanteil bei nur 3,9%, während Allegro fast 39 % hält. Temu und Shein drängen massiv in den Markt und setzen mit aggressiven Preisen lokale HändlerInnen unter Druck. Dieser Wettbewerb schärft das Preisbewusstsein der KonsumentInnen zusätzlich und lässt Margen in vielen Kategorien schrumpfen.
  • Regionale Champions: Neben Allegro (siehe unten) sind Plattformen wie Ceneo, Empik oder die Elektronikkette Media Expert stark vertreten. Ceneo gehört zu den meistbesuchten Websites im Land, während Empik in 2023 deutliche Nutzerzuwächse verzeichnete. Media Expert wiederum erreichte im November 2023 über 4,36 Milliarden Online-Werbekontakte und damit 81,8 % der polnischen Bevölkerung. Viele dieser Unternehmen investieren gezielt in Omnichannel-Angebote – etwa Click & Collect – und sichern sich so einen Wettbewerbsvorteil gegenüber rein digitalen Herausforderern.
  • D2C- und Reseller-Szene: Viele kleine und mittelgroße HändlerInnen nutzen Marktplätze als Sprungbrett – ähnlich wie in Deutschland, nur mit deutlich höherem Wachstumstempo. Laut Ecommerce Bridge trieben allein 23 Marktplätze in Polen ein Wachstum von 9,6% im Jahr 2023. Gerade für Nischenprodukte oder spezialisierte D2C-Marken bietet der Markt ein enormes Testfeld, da KonsumentInnen offen für neue Brands sind, solange Preis-Leistung überzeugt. Unterstützt wird diese Dynamik durch eine Infrastruktur aus Logistikdienstleistern, Payment-Anbietern und Marketing-Plattformen, die den Markteintritt vergleichsweise niedrigschwellig machen

Die Wettbewerbslage schafft Chancen: Während internationale Plattformen noch Marktanteile aufbauen müssen, genießen lokale Player tiefes Vertrauen. Marken, die hier einsteigen, können früh eine loyale Kundschaft aufbauen, bevor der Markt vollständig von globalen Riesen dominiert wird.

Allegro – Polens Marktplatzgigant

Allegro ist das bekannteste Beispiel dafür, wie sich polnischer E-Commerce entwickelt hat. 1999 als Auktionsplattform gestartet, ist das Unternehmen heute einer der größten Marktplätze Europas – mit einem GMV von über 15 Milliarden Euro und rund 20 Millionen aktiven KäuferInnen.

Wir sind einer der größten Marktplätze in Europa […] fast da, wo ein Zalando liegt, […] roundabout das Doppelte von dem, was ein Otto macht“, erklärt Matthias Frechen.

Allegro hat in den vergangenen Jahren konsequent diversifiziert:

  • Allegro Smart: Loyalty-Programm nach dem Vorbild von Prime, aber mit lokal angepassten Features wie Coins und Challenges.
  • Allegro Pay: Eigene Payment- und Kreditlösungen, die den Checkout vereinfachen.
  • Retail Media: Ein schnell wachsender Bereich, der Marken Sichtbarkeit und Conversion ermöglicht.
  • Expansion: Übernahmen und Markteintritte in Tschechien, Slowakei und Ungarn erweitern die Reichweite auf über 69 Millionen Konsumenten.

Der Erfolg basiert, so Matthias, auf einer Kombination aus Preisführerschaft, starker Logistik und lokaler Markenbindung. Allegro hat verstanden, dass polnische KonsumentInnen gleichzeitig preisbewusst und loyal sind – wenn das Angebot stimmt.

Chancen für Marken und HändlerInnen

Für internationale Marken bietet Polen gleich mehrere Einstiegspunkte:

  • Marktplätze nutzen: Allegro ist der naheliegende Startpunkt, doch auch Amazon.pl oder Empik können – je nach Produktkategorie und Zielgruppe – sinnvoll sein
  • D2C ausbauen: Polnische KonsumentInnen sind offen für neue Marken und probieren gerne aus. Wichtig: Mobile UX optimieren und lokale Payment-Optionen integrieren.
  • Geheimtipp Retail Media: Die Werbemöglichkeiten auf Allegro oder Ceneo sind noch vergleichsweise günstig, First Mover sichern sich hier also Reichweiten, die in Deutschland längst teuer erkauft werden müssen.
  • Cross-Border als Testballon: Für deutsche HändlerInnen ist Polen logistisch nahe, kulturell ähnlich und EU-rechtlich unkompliziert. Ein idealer Markt also, um die internationale Expansion auszuprobieren.

Vielversprechend, aber kein Selbstläufer

Natürlich hat der Markt auch seine Hürden:

  • Hoher Wettbewerbsdruck durch internationale Anbieter und Plattformen wie Temu, das 2023 in Polen gestartet ist und mit stark subventionierten Preisen und Gratisversand Maßstäbe setzt, die für lokale Händler kaum kalkulierbar sind.
  • Preisorientierung der KonsumentInnen, die Margen unter Druck setzen kann. Promotionen, Rabatte und Vergleichsplattformen sind daher essenziell, was HändlerInnen zwingt, extrem schlanke Kostenstrukturen aufzubauen.
  • Lokale Besonderheiten wie Zahlungspräferenzen oder Lockers, die HändlerInnen adaptieren müssen, um wettbewerbsfähig zu sein. Für internationale Player bedeutet das, dass sie ihr Checkout- und Logistikmodell gezielt lokalisieren müssen, um nicht an den Erwartungen der KonsumentInnen zu scheitern.

Wer jedoch bereit ist, den Markt ernst zu nehmen, kann sich früh positionieren und langfristig profitieren. Der Wettbewerb zwingt Unternehmen dazu, effizient und kundenorientiert zu arbeiten – wem das gelingt, der hat die Chance, in einem noch jungen, aber schnell wachsenden Markt Fuß zu fassen und nachhaltige Marktanteile zu sichern.

Wer Europa denkt, muss Polen mitdenken 

Polen ist kein Schwellenmarkt mehr, sondern ein E-Commerce-Wachstumsmarkt auf europäischem Topniveau. Eine junge, digitalaffine Bevölkerung, steigende Kaufkraft und eine moderne Infrastruktur schaffen ideale Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum.Allegro zeigt exemplarisch, wie stark der Markt bereits heute ist – und dass lokale Player globalen Plattformen die Stirn bieten können. Doch die eigentliche Geschichte spielt sich darüber hinaus ab: Ein ganzer Markt, der in den nächsten Jahren explodieren wird und HändlerInnen wie Marken enorme Chancen bietet. Wer E-Commerce-Wachstum in Europa sucht, sollte nicht länger nur nach Westen schauen. Die Zukunft liegt auch im Osten – und Polen ist der Beweis.

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